Migrationsrecht.net - Das Fachportal zum Ausländerrecht



Sonstige Nachrichten

Gerichtsreportagen, Kaplan, Koran, Scharia ? Gisela Friedrichsen

Anzeige

Seit vielen Jahren ist Gisela Friedrichsen neutrale Berichterstatterin von Schauplätzen in deutschen Gerichtssälen. Zuerst veröffentlichte sie in der FAZ, seit 1989 berichtet für das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL von wichtigen Prozessen. In ihrem Band ?Ich bin doch kein Mörder!? sind die interessantesten Reportagen der vergangen 15 Jahre über Fälle wie die rechtsgesinnten Brandstifter von Mölln bis zum ?Kalif von Köln? Metin Kaplan zusammengefasst. Eine Berichterstattung zum Beispiel über den Koran, die Scharia und den Rechtsstaat, Verschleierung und Gebet im Gerichtssaal macht das Buch zu einem Spiegel unserer Gesellschaft. 2. Auflage, 2004, DVA (www.dva.de) und Spiegel-Buchverlag, 320 Seiten  gebunden mit Schutzumschlag, ISBN: 3-421-05781-8, Preis: 22,90 ?

Vertreter der Bundesanwaltschaft: ?Ist ein Mitglied des ?Kalifatsstaats? des Kalifen von Köln Metin Kaplan nur der Scharia verpflichtet?? Zeuge:? Wenn eine Gesetzesbestimmung analog der Scharia ist, wird sie befolgt. Wenn nicht, wird sie nicht befolgt.? ?Sie befolgen dann das deutsche Recht nicht, auch wenn Sie in Deutschland leben?? Zeuge: ?Selbstverständlich nicht! Der Kroan ist das Maß aller Dinge. Denn er beinhaltet Gottes Gesetz. Alle anderen Gesetze sind nur von Menschen gemacht.? Gisela Friedrichsen arbeitet ? wie hier im Kapitel ?Gewaltverbrechen und Straftaten gegen das Leben? stets bedacht die Passagen von Prozessen heraus, auf die es ankommt. Sie versteht sie es immer wieder meisterhaft, im Besonderen des jeweiligen Falles dessen Bedeutung für das Recht und die Gesellschaft sichtbar zu machen. Wie im StGB geht es in Kapitel um Straftaten gegen den Staat (Honecker), um Straftaten mit rechtsradikaler Gesinnung (Mölln), dann um sexuelle Straftaten, um Straftaten in der Familie, um Betrug und schließlich um die Amtsdelikte, wie Rechtsbeugung. Zum Beispiel am Fall des Amtsrichters Schill und seiner Arbeitsweise in Haft Sachen, zeigt Firedrichsen bis zum BGH auf, wie sich der Rechtsstaat zu winden vermag, ohne dabei übermäßig ? lästig ? kritisch zu wirken. Mit großem juristischem und sozialpolitischem Sachverstand klamüsert sie auseinander, warum manches Recht auch vielen als ungerecht erscheinen mag. Schön arbeitet sie in den Prozesse um den Kalifen von Köln Metin Kaplan die Feinheiten der Strafprozessordnung heraus. Meisterhaft charmant und doch nicht um jeden Preis anklagend schildert sie Situationen im Mannesmannprozess gegen Joachim Funk und Claus Esser.  Kriminologen nennen das ?White-Colar-Crime?, Friedrichsen füllt diese fachbegrifflichen Metaphern mit herrlichen wohl recherchierten Inhalten.

Wirklich traurige Schicksale, familiäre Tragödien, juristische Kunstfehler, menschliche Abgründe vor und hinter dem Gerichtstresen ? von allem hat Friedrichsen Fallbeispiele parat, mit denen sie uns einen zeitgeschichtlichen Bericht über den Zustand unserer Rechtspflege ebenso gibt, wie detailscharfe Momentaufnahmen unserer Gesellschaft. Bestürzende Fälle von Inkompetenz und Anmaßung im Strafvollzug finden sich darin, aber auch Fälle unvermeidbar erscheinenden Scheiterns bei der Suche nach Gerechtigkeit und der angemessenen Sühne. Mit dieser Kasuaistik beschreibt sie Tagespolitik in unserer Gesellschaft. Dabei weiten sich die Reportagen bisweilen zu angenehm lesbaren kurzen Aufsätzen und Glossen über die Entstehung von jugendlicher Gewalt in den neuen Ländern oder die Radikalität im Westen lebender Muslime. Friedrichsen schreibt kurz und präzise über die  Psyche von Ronny Ryken und Frank Schmökel, sie prangert die Vorverurteilung der Angeklagten an, aber auch dies nicht ohne die Sicht der Opfer aus den Augen zu verlieren. ?Nie verschwinden hinter dem gesellschaftlichen Befund das individuelle Schicksal und die individuelle Verantwortung. Gisela Friedrichsen schließt die Ereignisse dadurch auf, dass sie analytische Schärfe und persönliche Einfühlsamkeit und Behutsamkeit vereint? , schreibt der Jurist und Romanautor Bernhard Schlink in seinem Vorwort. Dem schließe ich mich kommentarlos an.





Rechtsanwälte
Anzeige