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Das Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) trauert um Prof. Dr. Michael Bommes

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Verlust wird noch lange schmerzen. Wir werden Michael Bommes, der am 26. Dezember 2010 nach schwerer Krankheit verstarb, sehr vermissen - als passionierten Wissenschaftler und Migrationsforscher, als langjährigen und unermüdlichen Institutskollegen und als Freund.

Die 20jährige Geschichte des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück ist aufs Engste mit Michael Bommes verknüpft. Als Professor für Soziologie und interdisziplinäre Migrationsforschung hat er nicht nur das IMIS geprägt. Seine gesellschaftstheoretisch fundierten Beiträge zur Migrationssoziologie haben die wissenschaftliche Diskussion weit vorangebracht. Michael Bommes zählte zu den profiliertesten und produktivsten deutschen und europäischen Migrationsforschern. Akzente setzte er aber auch außerhalb der Wissenschaft, so etwa als kritischer Politikberater oder in der ehrenamtlichen Bildungsarbeit für Migranten.

Michael Bommes, geboren 1954, studierte Soziologie, Philosophie und Sprachwissenschaften an den Universitäten Marburg, Birmingham/Großbritannien und Osnabrück. Er promovierte 1990 mit Auszeichnung zum Dr. phil. im Fach Sprachwissenschaft an der Universität Osnabrück mit einer Untersuchung zum Thema 'Sprachliche Verarbeitung der Migrationssituation bei Migrantenjugendlichen türkischer Herkunft'. Sie erschien 1993 unter dem Titel 'Migration und Sprachverhalten. Eine ethnographisch-sprachwissenschaftliche Fallstudie' und bot eine perspektivenreiche und detaillierte sprachwissenschaftliche Analyse des Diskurses türkischstämmiger Jugendlicher. 1983/84 vertrat Michael Bommes die Assistentur im Fach Soziolinguistik der Universität Osnabrück. 1984 bis 1987 war er Promotionsstipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung und 1989 bis 1991 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bielefeld in einem DFG-Forschungsprojekt zum Problem der Verwendung sozialwissenschaftlichen Wissens in der Lehrerausbildung. 1991/92 folgte die Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität Karlsruhe in dem DFG-Forschungsprojekt 'Subjektive Handlungskompetenz und Soziales Handeln'.

Von 1992 bis 1997 war Michael Bommes Wissenschaftlicher Assistent für Soziologie im Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Osnabrück. Im akademischen Jahr 1997/98 ging er als Jean-Monnet-Fellow an das Europäische Hochschulinstitut in Florenz. Zurück in Osnabrück habilitierte er sich 1999 mit seiner Arbeit 'Migration und nationaler Wohlfahrtsstaat. Ein differenzierungstheoretischer Entwurf', die noch im gleichen Jahr publiziert wurde. Die Venia legendi lautete 'Allgemeine Soziologie'.

Nachdem er 1998/99 die Professur für Soziologie am Institut für Sozialwissenschaften der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf vertreten hatte, folgte Michael Bommes zum WS 2000/2001 dem Ruf auf die Professur für Soziologie am Institut für Sozialwissenschaften der Pädagogischen Hochschule Freiburg i.Br. Dort lehrte er bis 2003 und amtierte als Prorektor für Forschung und Auslandsbeziehungen im Leitungsgremium der PH. 2003 übernahm er die Professur für Soziologie und interdisziplinäre Migrationsforschung an der Universität Osnabrück, die als Stiftungsprofessur mit Unterstützung der Volkswagen-Stiftung eingerichtet worden war. Mit ihrem Schwerpunkt in der Methodologie interkultureller und interdisziplinärer Migrationsforschung zeichnet sich die Professur durch ein bundesweit einmaliges Profil aus.

Michael Bommes verstand es in hervorragender Weise, Forschungsfragen der allgemeinen Soziologie und der Migrationssoziologie mit einer interdisziplinären Forschungsperspektive zu verknüpfen und den daraus gewonnenen Einsichten auch im Kontext der Politikberatung Geltung zu verschaffen. Von der Luhmannschen Theorie funktionaler Differenzierung ausgehend, entwickelte Michael Bommes einen differenzierten und kohärenten Begriffsapparat, den er zunächst für die Analyse der vom Erziehungssystem generierten Beschreibungen der Migrationsproblematik einsetzte. Später nutze er sie für die weitreichende Reflexion der Bedeutung von Migrationsprozessen und ihren Folgen für die moderne Gesellschaft. Dabei predigte er die Systemtheorie nie orthodox, sondern wandte sie problemorientiert an und entwickelte sie kreativ fort, weit über die Migrationsforschung hinaus.

In seiner Habilitationsschrift und in zahlreichen Aufsätzen zum Themenkomplex Migration und Wohlfahrtsstaat arbeitete er heraus, dass der moderne Nationalstaat zu einer systematischen Ungleichbehandlung zwischen Staatsbürgern und Migranten durch und innerhalb des Wohlfahrtsregimes führt: Weil das Wohlfahrtssystem auf eine durch Sesshaftigkeit geprägte Normalbiographie ausgerichtet ist, so ein zentrales Ergebnis seiner Analyse, kommt es hier zu einer Schlechterstellung von Zuwanderern bei gleichzeitiger Ungleichbehandlung hinsichtlich der Aufenthalts- und Arbeitsrechte. Mit dieser Interpretation des Wohlfahrtsstaates als 'Ungleichheitsschwelle' in der Weltgesellschaft führte Michael Bommes eine Dimension von Ungleichheit in die Systemtheorie ein.

Sein Interesse galt darüber hinaus Fragen der politischen Soziologie, der Sozialen Arbeit, der Bildungs- und Erziehungssoziologie, der Jugendsoziologie, der Organisations- und der Netzwerksoziologie. Schwerpunkte blieben aber die Analyse der Bedeutung von Migrationsprozessen und ihren Folgen für die moderne Gesellschaft, die Untersuchung der methodologischen Probleme der interkulturellen Migrationsforschung sowie der interdisziplinäre Dialog in der Migrationsforschung auf der Basis einer beeindruckenden multi-disziplinäre Kompetenz, die weit über die Verbindung von soziologischer Forschung und ethnographisch orientierter Soziolinguistik hinausreichte.

Schon mit dem Beginn seiner Tätigkeit als Wissenschaftlicher Assistent in Osnabrück war Michael Bommes 1992 Mitglied des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien geworden, dessen Auf- und Ausbau er seither wesentlich mitgestaltete. Bis zu seinem Weggang nach Freiburg fungierte er als Sprecher des DFG-Graduiertenkollegs 'Migration im modernen Europa' am IMIS und übernahm damit die Verantwortung für die umfangreiche Doktorandenausbildung des interdisziplinären Instituts. Nach seiner Rückkehr nach Osnabrück war seine Tätigkeit am IMIS als Mitglied des Vorstands (seit 2003) und als Direktor (2005-2009) unter anderem durch die Konzipierung und den Aufbau des in der Bundesrepublik einmaligen interdisziplinären Master-Studiengangs 'Internationale Migration und interkulturelle Beziehungen', die Entwicklung und Durchführung zahlreicher Forschungsprojekte, eine breite akademische Lehrtätigkeit und eine hohe Präsenz in der Mediendiskussion zu den Themen Migration und Integration gekennzeichnet.

Seine intensive und vielseitige wissenschaftliche Tätigkeit erstreckte sich weit über Osnabrück hinaus. Zu nennen sind hier insbesondere seine Arbeit im Vorstand der Sektion 'Migration und ethnische Minderheiten' der 'Deutschen Gesellschaft für Soziologie', der Vorsitz des bundesweiten 'Rates für Migration' als Zusammenschluss deutscher Migrationsforscher, die Mitgliedschaft im 'Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration', in der 'Migration Research Group' des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Instituts sowie im Leitungsgremium des von der EU geförderten 'Network of Excellence' IMISCOE als Kooperationsprojekt der wichtigsten europäischen Migrationsforschungsinstitute.

Zu den bleibenden Ergebnissen seines vielfältigen wissenschaftlichen Engagements zählen zahlreiche Publikationen, insbesondere zu den Forschungsfeldern Migration und Sprachverhalten, Migration und Sozialer Wandel, Migration und Kommunen, Interkulturalität sowie zu theoretischen, methodischen und methodologischen Problemen der interkulturellen und interdisziplinären Migrationsforschung. Michael Bommes’ Werk umfasst mehrere Monographien, eine Vielzahl von ihm herausgegebener Schriften sowie über hundert Beiträge für Sammelwerke und renommierte deutsche und internationale Zeitschriften. Einige seiner zentralen Aufsätze der letzten Jahre hat er unter wissenssoziologischer und gesellschaftstheoretischer Perspektive in dem Sammelwerk 'Migration und Migrationsforschung in der modernen Gesellschaft' zusammengeführt, das Ende Februar 2011 als Heft 38 der IMIS-Beiträge erscheint.

Sein Leben war die Wissenschaft und die engagierte Auseinandersetzung mit den Menschen, die ihm dabei begegneten. Wissenschaftliche Arbeit war für ihn eine Berufung, davon zeugt nicht nur die Intensität seiner Beschäftigung mit soziologischer Theorie, Migrations- und Integrationsforschung, sondern auch die Leidenschaft, mit der er die wissenschaftliche Debatte meinungsstark und sehr prononciert befruchtete. Michael Bommes konnte faszinieren und begeistern. Man konnte ihm manchmal regelrecht beim Denken zuhören. In seiner unprätentiösen, aber selbstbewussten Art hatte er die Fähigkeit ausgebildet, komplexe Gedankengänge laut zu entwickeln. Dies hat nicht zuletzt die vielen Zuhörer seiner Vorträge fasziniert. Seine Neugierde, seine Offenheit, seine Leidenschaft für die theoriegeleitete Analyse waren ansteckend. Sie trugen dazu bei, dass es ihm gelungen ist, viele Studierende für die Soziologie und eine soziologisch inspirierte Migrationsforschung zu begeistern sowie junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im In- und Ausland nachhaltig zu prägen.

Michaels Einsichten, Impulse und weiterführende Fragen werden das IMIS sicher auch in Zukunft begleiten. Mit großem Dank erfüllt uns die Erinnerung an den gemeinsamen Weg.

Für das IMIS, seine Mitglieder, Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Studierenden

Jochen Oltmer und Andreas Pott

Institut für Migrationsforschung
und Interkulturelle Studien (IMIS)
Universität Osnabrück
Neuer Graben 19/21
49069 Osnabrück
Tel. 0541 969 4384
Fax 0541 969 4380
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Internet www.imis.uni-osnabrueck.de
 

 




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