Jugendliche Intensivtäter, Ausländerrecht, Gerichtsreportage von Verena Mayer

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Auf einmal ist er nicht mehr lieb - Berlins ?Mehmet? heißt Mahmoud ? ein jugendlicher Intensivtäter vor Gericht

Nidal ein schlimmes Bürschchen zu nennen, ist sicher nicht falsch. 22 Jahre ist er alt, er hat Kindern Geld weggenommen, einer Wirtin die Handtasche geraubt und mehrere Male randaliert. Er hat sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei geliefert und war an Messerstechereien beteiligt. Ein so genannter jugendlicher Intensivtäter, und die Berliner Polizei hat ihm eines Tages den Namen ?Mahmoud? verpasst. ?Mahmoud?, das soll natürlich wie ?Mehmet? klingen, nach jenem berühmten jugendlichen Straftäter aus Bayern, der 1998 als Vierzehnjähriger ohne Eltern in die Türkei abgeschoben wurde. Die Angst, provinziell zu sein, scheint in Berlin so groß zu sein, dass man sich von München nicht auch noch bei den Problemjugendlichen auf die Plätze verweisen lassen will.

Dementsprechend in Aufruhr war die Hauptstadtpresse, die irrtümlicherweise schon zum Haftprüfungstermin von Nidal-Mahmoud ins Amtsgericht Tiergarten gestürmt war. Da gab es allerdings, wie es bei solchen Terminen üblich ist, nichts sehen. Wochen später ist Nidal nun wegen Bedrohung und Körperverletzung angeklagt, in den verschlafenen Fluren des Gerichts treten sich die Kamerateams auf die Füße. Auch Nidals Freunde sind gekommen, vor pubertärer Energie strotzende Jungs der zweiten Generation, die sich im Zuschauerraum zusammenrotten wie auf den Rängen eines Fußballstadions. Nidal selbst ist ein stämmiger junger Mann, der bis auf die eng zusammenstehenden Augen nichts Auffälliges an sich hat. Während er an seinem Tisch sitzt, hat er den Kopf auf den verschränkten Armen liegen und blinzelt in den Gerichtssaal.

Mit acht Jahren ist er aus dem Libanon nach Berlin gekommen. Seine Eltern waren schon zwei Mal ausgewiesen worden, doch sie kehrten immer wieder nach Deutschland zurück. Die Mutter versprach den Kindern, dass man in Deutschland die Schokolade vom Boden essen könne, gelandet ist die siebenköpfige Familie in Neukölln, wo sie von Sozialhilfe lebte. Nidal war keine elf Jahre alt, als er in der Schule auffällig wurde. Er schlug andere Kind und ließ bei Hertie ein Computerspiel mitgehen. Es folgten Prügeleien und eine Messerstecherei, einmal presste Nidal einem Jugendlichen mit einer Schreckschusswaffe 120 Mark ab.

1998 kam er das erste Mal in Haft, nachdem er bei einer Beerdigungsfeier einen Palästinenser angepöbelt und mit einem Messer auf ihn eingestochen hatte. Zwei Jahre später raubte er dann der Wirtin der Cocktailbar ?Komma? die Handtasche und die Armbanduhr, 2001 fuhr er ohne Führerschein. Er lieferte sich nach einer Kontrolle eine Verfolgungsjagd mit der Polizei und beging nach einem Unfall Fahrerflucht. Er wurde zu einer Haftstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt, und als er danach wieder in eine Prügelei verwickelt war, wurde aus Nidal ein Berliner Politikum namens Mahmoud.

Die Polizei, die Jugendliche wie Nidal am liebsten hinter Schloß und Riegel sieht, fühlte sich von der Justiz im Stich gelassen und ließ in der Zeitschrift ?Kriminalistik? das Vorleben Nidals ausbreiten. Von achtzig Straftaten wollte die Statistik wissen. Das verärgerte wiederum die Justiz, die sich in ihren Resozialisierungsbemühungen nicht ernst genommen sah. Für Nidal änderte das Hickhack nichts ? er wurde in Abschiebehaft genommen. Doch die libanesischen Behörden weigerten sich, dem staatenlosen Sohn palästinensischer Eltern Papiere auszustellen, Nidal saß Monate lang in Einzelhaft. Eines Tages kam ihn sein Vater besuchen. Die beiden unterhielten sich, dann kam es zu einem Streit. Irgendwann flog ein Tisch durch die Gegend. Unter anderem deswegen muss Nidal sich nun vor dem Amtsgericht verantworten.

Im Herbst 2004 wurde Nidal entlassen, weil man Leute nicht einfach in Abschiebehaft festhalten darf, ohne sie auf absehbare Zeit abzuschieben. Nidal tat das, was er seit seiner Kindheit gewohnt war: Er trieb sich mit seinen Jungs herum. Sie gingen in den ?Sky Club? und legten sich mit den Türstehern an. Am nächsten Tag wollte Nidal zu einer Hochzeit. Den Anzug hatte seine Ex-Freundin, er bat sie, ihm die Sachen zu bringen. Die beiden trafen sich vor einem Einkaufscenter. Die Ex-Freundin, Geschäftsführerin eines Reparaturbetriebes und nicht weniger raubeinig als Nidal, kam mit ihrem BMW. Ob sie ihm den BMW für die Hochzeit borgen könne, fragte Nidal. Als sie sich weigerte, stieß er sie gegen das Auto. ?Die Polizei sucht mich sowieso. Am Wochenende habe ich schon mehrere abgestochen. Du bist die nächste.? Die Freundin ging zur Polizei.

Wie Nidal so sei, fragt der Richter die Zeugin. ?Er ist lieb und auf einmal ist er nicht mehr lieb?, antwortet die Ex-Freundin. Nidal schweigt zu den Vorwürfen. Sein Verteidiger sagt, er wisse, dass Nidal der Vorfall leid tue. Das wird Nidal nicht viel nützen. Er ist wieder in Haft, und alles beginnt von vorne. Immerhin arbeiten Polizei und Justiz in Berlin jetzt einträchtig zusammen. Um die Ermittlungen zu verbessern, wurde ein ?Intensivtäter-Programm? ins Leben gerufen.