Menschenhandel, Bulgarien, Berliner Amtsgericht, Verena Mayer, Gerichtsreportage

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Es gibt Angeklagte, die ein so bedauernswertes Leben haben, dass es selbst nach einer Verurteilung nur mehr aufwärts gehen kann. Svetla A., 27 Jahre alt und aus Bulgarien, ist so ein Fall. Vor dem Berliner Amtsgericht wird sie wegen schweren Menschenhandels in Tateinheit mit Zuhälterei verurteilt, doch als ihr die Dolmetscherin das Urteil übersetzt, braucht sie zum ersten Mal an diesem Tag kein Taschentuch. "Ich möchte so schnell wie möglich nach Bulgarien zurückkehren", sagt Svetla A. Sie lächelt sogar ein wenig. Wie verzweifelt muss man sein, um in Bulgarien die letzte Rettung zu sehen? (Hier finden Sie Gerichtsreportagen von Verena Mayer Gerichtsreportagen von Verena Mayer!)

 

So verzweifelt wie Svetla A. Bei Gabrovo in Bulgarien ist sie aufgewachsen, bis auf acht Klassen Schule hat sie nie etwas gelernt. Arbeit fand sie in Bulgarien keine und so ging sie auf den Strich. Viel kam dabei nicht zusammen, und eines Tages hatte sie auch noch einen Unfall und ihr Knie ging kaputt. Sie brauchte Geld für die Operation, und so ließ sie sich als Prostituierte nach Deutschland schleusen, um "beim Ausüben dieser Tätigkeit" wenigstens Geld zu verdienen, das in Bulgarien etwas wert sein würde. Svetla A. ist ein schmales Ding mit brauner Haut, ihre Wangen und der Stirnansatz sind mit schwarzem Flaum überzogen. Ihre Gesichtszüge sind ein wenig schief, so, als wären sie verrutscht, es ist das gutmütige, aber verhärmte Gesicht eines Bauernmädchens, dem die Großstadt die letzte Kraft geraubt hat.

Svetla A. kann kein Deutsch, und sobald die Dolmetscherin anfängt zu übersetzen, sieht sie noch verlorener aus. "Strafaufsicht", "Bewährungsauflage", "Rechtsmittelverzicht" , keines der Worte, die der Richter zu ihr sagt, gibt es in ihrer Welt, jeder Satz ist für sie verwirrend wie die Straßenfluchten und Hochhäuser Berlins. In Berlin ging Svetla A. auf den Strich, dann lernte sie einen Bordellbesitzer kennen. Er wurde ihr Freund, dann steckte er sie in sein Bordell. Da war sie Tag und Nacht, sie kam nur selten vor die Tür, und das Geld reichte noch immer nicht für die Operation aus.

An Weihnachten vergangenen Jahres fuhr sie nach Bulgarien. Sie sprach eine Prostituierte an, die noch jünger und noch ärmer war als sie. Sie sagte, sie solle mit ihr nach Deutschland kommen und versprach ihr das Blaue vom Himmel. Als das Mädchen sich weigerte, mitzukommen, schlug Svetla A. ihm die Nase blutig. Dann zahlte sie der Zuhälterin des Mädchens 250 Lewa und nahm die Neunzehnjährige mit nach Deutschland. Svetla A.s Freund besorgte ihr eine Einladung und einen Pass. In Berlin kam das Mädchen in dasselbe Bordell wie Svetla A. Das Geld, das sie dabei verdiente, musste sie an Svetla abgeben. Eine Puffmutter gab es auch, eine Frau namens Waltraud, die ihnen sagte, was sie anziehen sollten und was sie beim Sex tun müssten. Die Bulgarinnen sagten "Mama" zu ihr.

Die Bulgarinnen arbeiteten Tür an Tür. Svetlas Mädchen konnte weder lesen und schreiben, sie habe ein "einfaches Gemüt", sagt der Staatsanwalt. Mehr weiß er auch nicht. Als Zeugin kann die junge Bulgarin nicht vernommen werden, sie hat die erste Möglichkeit, die sich bot, genützt, um zurück nach Bulgarien zu fahren. Während der Wochen, die sie in Berlin verbrachte, durfte sie das Bordell nicht verlassen, und wenn sie aufmuckte, schlug Svetla A. sie oder hielt ihr den heißen Ondulierstab an den Kopf. Nachdem sie einen Monat lang in dem Bordell eingesperrt war, erlaubte man ihr schließlich, einmal mit den anderen Prostituierten zum Kiosk zu gehen. Als die Frauen in der Schlange stand, um Zigaretten zu kaufen, rannte sie davon. Das Mädchen hat sich dann jemandem anvertraut, Ende Januar wurde Svetla A. verhaftet und kam ins Gefängnis. Mehr als sechs Monate dauerte die Untersuchungshaft, inzwischen haben auch ihre Eltern mit ihr gebrochen.

"Wie geht es jetzt mit Ihnen weiter?", fragt der Richter. "Ich habe vor, diese Tätigkeit einzustellen", antwortet Svetla A. Ihre Strafe wird auf Bewährung ausgesetzt, der Richter gesteht ihr zu, selbst ein Opfer zu sein. "Ich kann nur für Sie hoffen, dass Sie den Absprung aus diesem Milieu schaffen", sagt der Richter. Die Dolmetscherin übersetzt, Svetla A. sieht den Richter mit großen Augen an. Man kann sich nicht vorstellen, dass sie versteht, was er meint. "Ich will zurück nach Bulgarien", schnieft sie schließlich.

Sonst sagt Svetla A. nicht viel. Der Staatsanwalt, ihr Verteidiger und der Richter haben vor der Verhandlung ein Rechtsgespräch geführt, dass Svetla A. mit zwei Jahren Haft davon kommt, wenn sie zugibt, was im Anklagesatz steht. Der Richter gibt die Übereinkunft zu Protokoll, Svetla A. nickt und schnieft nur. Auch an diesem Tag, einem ihrer letzten Tage in Deutschland, ist es nicht sie gewesen, die über ihr Leben bestimmt.