Menschenhandel, Visa, Ukraine, Verena Mayer, Gerichtsreportage

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Als Katharina vom Chauffeur und von den Pelzen hörte, konnte es ihr nicht schnell genug gehen, als Callgirl in Deutschland zu arbeiten. Katharina lebte bei ihrem Großvater, und alles, was sie von der Welt kannte, war die ukrainische Kleinstadt, in der sie als Kellnerin arbeitete. Eines Tages kam eine Bekannte in der Kneipe vorbei und fragte sie, wie lange sie denn noch Aschenbecher abräumen wolle. ?Stell dir vor?, sagte die Frau, ?du kommst im Nerzmantel aus dem Hotel, und draußen wartet ein Mann mit einem teuren Auto.? Katharina hatte noch nie Sex gehabt, und sie dachte, es würde sein wie in ihren ?märchenhaften Träumen?. Beim ersten Freier, den sie in Berlin hatte, war der Traum aus. (Die Namen der Beteiligten wurden geändert.)

Katharina ist 20 Jahre alt. Sie ist groß und schlank, mit ihrem leicht geschminkten Mädchengesicht, den dunklen Jeans und dem dazu passenden Jeansjäckchen würde sie auch auf ein Model-Casting passen. Katharina ist eine von vier ehemaligen Prostituierten aus der Ukraine, die in dem großen Berliner Prozess gegen den Menschenhändler Borys B. in Berlin als Nebenklägerinnen aufgetreten sind. Der Callgirlring ist im Jahr 2003 durch einen prominenten Kunden in die Schlagzeilen geraten, den Talkmaster Michel Friedman. Für Katharina und die drei anderen, Ilona, Larissa und Olga, hatte das keine Bedeutung. Ihr Leben kann als Sample für all die anderen osteuropäischen Frauen stehen, die als illegale Prostituierte nach Deutschland kommen; für jenen ewigen Kreislauf aus Eingeschleust- und Abgeschobenwerden, Zwang und Aussichtslosigkeit, der gespeist wird von Lügen und falschen Hoffnungen. Und selbst jetzt, da für diese vier Frauen alles vorbei ist und ihr Peiniger verurteilt wurde, sieht es nicht viel besser aus. Ihr Status ist ungewiss, sie leben mit einer Duldung in Deutschland. Um nicht abgeschoben zu werden, müssen sie erst nachweisen, dass ihnen in ihrer Heimat Gefahr droht.

140000 Frauen aus Osteuropa arbeiten nach Angaben des Bundeskriminalamts als Prostituierte in Deutschland. Die Hälfte bis zwei Drittel davon, so wird geschätzt, werden von Menschenhändlern getäuscht und mit falschen Versprechungen ins Land gelockt. Menschenhandel ist die Schattenwirtschaft des erweiterten Europa, ein Geschäftszweig, der so alltäglich geworden ist wie der Schmuggel. Anders als noch vor zehn, fünfzehn Jahren, als die Grenzen dicht waren und die Frauen aus Südostasien eingeflogen werden mussten, ist nicht einmal der Aufwand groß. Alles, was man braucht, sind ein paar Kontakte und das Geld für falsche Papiere.

Der Prozess gegen Borys B. im Berliner Landgericht war einer von den vielen, die in Deutschland täglich gegen Menschenhändler und Schleuser geführt werden. Doch wie kaum ein anderer hat er das Geschäft mit dem Frauenhandel ein halbes Jahr lang in ernüchternder Detailgenauigkeit ausgeleuchtet. Frauenhandel, so zeigte es der Prozess, ist kein Verbrechen, das einer isolierbaren Gruppe, Berufskriminellen oder Asozialen, vorbehalten ist. Es ist ein Wirtschaftssystem, das ganze Dörfer und Landstriche ernährt, die Familien der Ausbeuter genauso wie die der Ausgebeuteten. In vielen Gegenden ist es das einzige Wirtschaftssystem, das es gibt.

Als Ilona noch in der Ukraine lebte, war sie Lehrerin und konnte sich keinen anderen Beruf vorstellen. Eine Lehrerin verdient in der Ukraine 13 Euro im Monat. Ilona ist allein erziehende Mutter, eines Tages erkrankte ihr Kind. Man dachte erst, es sei Tuberkulose, doch es war eine noch seltenere Krankheit. Ilona musste Ärzte und Medikamente bezahlen, jede Rechnung ein Jahresgehalt. Der Leiter des Klubs im Kulturhaus sprach sie an und fragte, ob sie nicht in Deutschland arbeiten wolle, als Kindermädchen. Ilona sagte ja, die 70 Euro, die sie brauchte, um aus der Ukraine ausreisen zu können, bekam sie vom Vater ihres Kindes.

Ilona, eine blonde Frau von 29 Jahren, ist klein und blass, und sie ist so dünn, dass sich unter ihrem Pullover die Knochen abzeichnen. Sie hat eine hohe und gepresste Stimme, oft verstummt sie mitten in einem Satz. Ilona ist eine von diesen Frauen, deren Leben nach dem Willen anderer verläuft, schon ihr Körper ist viel zu zart, als dass sie der Welt damit etwas entgegensetzen könnte.

In den Westen kam Ilona mit einer Ladung Gasflaschen. Ein Bekannter verdiente Geld damit, durch polnische Dörfer zu fahren und Gas aus der Ukraine zu verkaufen. Er lieferte erst die Flaschen in einem Vorort von Breslau ab, dann brachte er Ilona zu einem Bauernhof. Im Hof standen dicke Autos, ein Mann stellte sich als Jurij vor. Später kam Jurijs Bruder dazu, er hieß Borys B. ?Ich zeige dir Europa, du kommst zu mir arbeiten?, sagte Borys B. und drückte Ilona ein Pornoheft in die Hand. Dies sei die Arbeit, zu der er sie nach Deutschland bringen werde. Mütter seien ihm am liebsten, sagte er, die würden aus Angst um ihre Kinder keinen Ärger machen, sagte Borys B. ?Ab heute bin ich dein Direktor, Vater und Gott.?

Borys B., der zahlreiche ukrainische Frauen nach Deutschland schleuste und als Prostituierte arbeiten ließ, ist 33 Jahre alt. Seine Mutter war Postangestellte, der Vater Künstler. Bis zu seinem 14. Lebensjahr war Borys B. im Internat, dann wurde er zum Schweißer ausgebildet und kam als Schütze eines Panzers nach Afghanistan. Er wurde an Kopf, Arm und Brust verletzt, durfte aber nicht zurück nach Hause. Borys B. ist nicht sehr groß, er hat ein wächsernes Gesicht, immer wieder geht ein Zittern durch seine Hände und seinen Körper. Es handelt sich dabei um das so genannte Kriegszittern, die Folge einer posttraumatischen Belastungsstörung, wie der psychiatrische Gutachter vor Gericht ausführte. Im Ersten Weltkrieg war das Kriegszittern ein Massenphänomen unter Soldaten. Borys B. ertrug keine offenen Fenster, trank und nahm Drogen, es gab Zeiten, da konnte er nichts tun, außer Roulette zu spielen. Er hat versucht, in der Erdölindustrie zu arbeiten, dann war er bei einer Import-Export-Firma. Ende der 90er Jahre begann er, mit Autos zu handeln. Von da war es nicht weit zu den Frauen.

Die Frauen, die er als ?junge ukrainische Nymphen? in Berliner Boulevardzeitungen inserierte, waren meistens aus der Gegend, aus der er selbst kam. Larissa wohnte um die Ecke, auf die Lehrerin Ilona kam er, weil deren Mutter mit seinem Bruder Jurij in der Brotfabrik gearbeitet hatte. Es ist eher selten, dass Frauen von wildfremden Männern betäubt und verschleppt werden, auch wenn das vorkommt. Oft sind es Bekannte und Freunde, die sie an die Schleuser vermitteln, ein Vertrauensverhältnis ausnutzend und wohl wissend, dass ihre Opfer sie nicht anzeigen würden. Vom Menschenhandel profitieren die Dorfbewohner, die die Larissas, Ilonas, Olgas und Katharinas durch die Gegend fahren, es profitieren Familienväter davon, die ihnen Zugfahrkarten besorgen oder sie über die Grenze begleiten, es profitieren Frauen, die, Versicherungskeilern gleich, durch die Bars ziehen und jungen Mädchen ein Luxusleben im Westen versprechen.

An den Westen verlor die Ukrainerin Larissa als erstes ihre Hose. Sie schwamm davon, als Larissa in die Neiße stieg, um nach Deutschland zu gelangen. Angekommen, verlor sie den Rest. Geld und Papiere wurden ihr von Borys B.s Leuten abgenommen, den Kontakt zu ihren Freunden ließ Larissa dann selbst abreißen. Irgendwann hatte sie auch keine Hoffnung mehr, da hat Larissa begonnen, ohne Kondom mit Männern zu schlafen. Sie bekam mehr Geld dafür, und das brauchte sie, um ihre Schulden zu bezahlen.

Larissa ist eine unauffällige Frau in Jeans und Pullover, 24 Jahre alt. Sie hat etwas Abwesendes, sie wirkt wie eine Schülerin, die aufgerufen wird, aber viel lieber aus dem Fenster gucken würde. In der Ukraine hat sie mal dies, mal das gemacht, im Garten gearbeitet oder geputzt, nach Deutschland wollte sie, weil ihr sonst nichts einfiel. In Berlin lebte sie mit den anderen Frauen eingepfercht in einer winzigen Wohnung, manchmal kam Borys B. vorbei und brachte ihnen Pornovideos, die sollten sie sich ansehen, damit sie was lernen. Sie hätten den Fernseher ausgemacht, sobald er draußen war, sagte Larissa vor Gericht. Es sei sehr schwer gewesen, die Arbeit auszuhalten. Larissa trank viel, Wein und Wodka. Das war verboten, wer erwischt wurde, musste Strafe zahlen an Borys B., 500 Euro. Larissa wurde oft erwischt. Sie war schon sieben Monate in Deutschland, und ihr war noch kein Cent übrig geblieben, den sie nach Hause hätte schicken können.

3000 Euro hatte ihr Borys B. für Papiere und die Schleusung in Rechnung gestellt, die musste Larissa abarbeiten, von abends sechs bis morgens sechs. Zwischen 75 und 95 Euro zahlten die Freier für eine Stunde, 25 konnte Larissa behalten, 250 Euro im Monat betrug ihre Miete, dazu 50 Euro für Strom. Sie musste Kondome, Kosmetika und Wäsche selbst kaufen, und wenn sie einmal zu Kaiser?s wollte, kam immer ein Fahrer mit, das kostete ebenfalls extra. Borys B.s Leute waren stets in der Nähe. Es gab zwei Polen, die die Frauen fuhren und bewachten. Dem einen war die Tochter gestorben, der andere musste eine Familie ernähren. Auch Borys B.s zweiter Bruder, Alex, war dabei, der machte die Abrechnung. Alex war streng. Einmal hatte ein Kunde Larissa für zwei Stunden gebucht, aber nur eine bezahlt. Den Rest musste sie von ihrem Geld zuschießen.

Olga, die vierte Nebenklägerin im Menschenhandelsprozess, war nach dem Abitur bei ihren Eltern rausgeflogen. Du bist erwachsen, sagten sie, sieh zu, wo du bleibst. Olga schrieb sich an der Medizinhochschule ein, dann brach sie die Ausbildung ab. Sie wollte raus aus der Ukraine, sie war ehrgeizig. Vor Gericht trat sie wie eine Geschäftsfrau. Sie kam stets im dunklen Hosenanzug mit Nadelstreifen, immer wieder kam sie der Übersetzerin zuvor und beantwortete eine Frage beflissen auf Deutsch. Die anderen Frauen hätten sie ?Aristokratin? genannt, erzählt Katharina, die Jüngste. Olga ist auch die Wütendste von den vieren. Immer wieder diskutierte sie mit Borys B.s Verteidiger, der ihre Glaubwürdigkeit in Frage stellt, sie schimpft über die Verhältnisse, denen sie ausgesetzt war, ihre Zuhälter nennt sie ?diese Hunde?.

Olga besaß noch 40 Euro und fuhr nach Polen. In Polen können sich Ukrainer drei Monate lang aufhalten, Polen ist das Durchgangszimmer in die Europäische Union, es gibt noch ein Zurück, und es sieht doch schon aus wie der Westen. Olga setzte sich am Bahnhof auf ihre Koffer und wartete darauf, was passiert. Eine Frau sprach sie an, sie wüsste Arbeit in Deutschland, in einem Haushalt mit Kindern oder älteren Menschen. Olga fuhr erst einige Stunden mit der Frau Bus, dann stieg sie zu Männern in ein dunkles Auto. Ob sie nicht misstrauisch gewesen sei, umgeben von lauter Fremden, fragte der Richter, als Olga im Zeugenstand saß. ?Das war vielleicht, weil ich ein Kindchen war", antwortete Olga, es klang nüchtern wie eine Bilanz. ?Meine Eltern haben mich gewarnt, aber ich war in der Hoffnung, dass mir nichts Schlimmes passieren kann.?

Irgendwann war Olga in einem polnischen Hotel, das ?Holiday? hieß, und Borys B. stand im Zimmer. Er sagte ihr, was sie in Deutschland tun werde, dass sie einen Haufen Geld verdienen werde und dass es einen Arzt gebe. Olga begann zu schreien. ?Ich will nicht so eine werden?, sagte sie. ?Wo willst du denn hin??, fragte Borys B. Olga sagt, dass er sie danach vergewaltigt hat. Als er ihr Zimmer verließ, sperrte er von außen die Tür zu.

?Fernseher? nannte Borys B. die ukrainischen Frauen, die wie Olga in Polen auf ihre Schleusung warteten. Ein Polizist, der im Zuge der Ermittlungen Borys B.s Telefonate abhörte, brachte das Wort ?Fernseher? anfangs nicht mit Menschenhandel in Verbindung, er kannte für Frauen bis dahin nur die Bezeichnung ?Kisten?. Wie ein Handelsunternehmen hatte Borys B. sein Geschäft organisiert, bis hin zur Buchhaltung. Wenn ein polnischer Fahrer eine Prostituierte bei einem Freier abgeliefert hatte, schickte er eine SMS an Borys B., in der zum Beispiel ?A95? stand. Der Buchstabe war das Kürzel der Frau, die Zahl zeigte den Stundenlohn an. Der penible SMS-Wechsel ist nun die Grundlage für die Schadenersatzforderungen der vier Nebenklägerinnen. Ilona, so hat es ihre Anwältin ausgerechnet, hatte 479 Freier. Verpflegung und Fahrtkosten abgezogen, ergibt das bei 75 Euro Stundenlohn eine Summe von 23900 Euro, die Ilona erarbeitet hat.

Als Ilona, die kleine, schmale Lehrerin, von ihren Schleusern in Frankfurt an der Oder bei McDonald?s abgesetzt wurde, hatte sie ihre Menstruation und außer einem Handtuch und einem Kamm nichts bei sich. Sie musste trotzdem zwei Stunden später in Berlin zur Arbeit. Es waren zwei russische Männer, ihr neues Leben begann sie in derselben Kleidung, in der sie ihr altes verlassen hatte. Ilona ist diejenige der vier Frauen, der die Zeit in Deutschland körperlich am meisten zugesetzt hat. Sie hatte Asthma-Anfälle und magerte bis auf die Knochen ab.

Schon ihre Einreise war eine Tortur. Ilona wurde im Zug von tschechischen Grenzern geschnappt und kam in Abschiebehaft. Wochen später setzte man sie in einen Bus, irgendwann stieß sie jemand wieder hinaus und sagte: ?Das ist die Ukraine.? Ilona wusste nicht, wo sie war, sie lief zum nächsten Bahnhof, von dort schlug sie sich nach Hause durch. Bei ihrer Mutter blieb sie dann, bis sie wieder geholt wurde. Da wusste sie schon, was in Deutschland auf sie zukam, sie wartete auf die Schleuser wie ein Schaf auf die Schlachtbank. Warum sie da nicht zur Polizei gegangen sei oder versucht habe, den Schleusern das Geld anders abzubezahlen, hat sie der Richter gefragt. ?Es hätte nichts gebracht?, antwortete Ilona.

In Berlin wurde sie von einem Freier verdächtigt, etwas gestohlen zu haben, Ilona kam abermals ins Gefängnis. Der Anwalt von Borys B. hat sie wieder herausgeholt, danach musste sie auch noch dessen Kosten abarbeiten, 2000 Euro, wie Borys B. ihr vorrechnete. Ob sie sich einmal ihrer Mutter anvertraut, sie um Hilfe gebeten habe, fragt der Richter. Ilona schüttelt den Kopf. ?Ich habe damals niemanden etwas erzählt, und ich werde niemandem erzählen, was ich gemacht habe.?

Katharina, die Träumerin, die mit ihrem Kinderausweis aus der Ukraine ausgereist war, um in Deutschland ein Leben wie im Märchen zu führen, Katharina, deren Traum nach dem ersten Freier vorbei war, merkte genauso schnell, dass auch alles andere nicht so war wie versprochen. Es gab keine Limousinen und keine Chauffeure, der Fahrer, der sie zu den Freiern brachte, fuhr das Auto zu Klump und Katharina musste zurück in die Wohnung humpeln. Das bisschen Geld, das sie und die anderen Frauen gespart hatten, hat ihnen Alex geklaut, bevor er sich absetzte. Mit der Realität wollte sich Katharina trotzdem nicht abfinden. Einmal hat sie ein Abendessen ausgerichtet, sie hat Pelmeni gekocht und alle eingeladen, auch die Polen und Borys B. ?Wir wollten mal zusammensitzen, einmal normale Menschen sein?, erzählt sie.

Wolfgang B. ist einer der Freier, die im Verfahren gegen Borys B. vor Gericht aussagen mussten. Wolfgang B. ist 44 Jahre alt, arbeitslos und lebte lange mit einer Thailänderin zusammen. Als die ihn verließ, haben ihm Freunde Geld gegeben, damit er ?wo anruft?, bei einer dieser Nummern. Ilona, die schmale Lehrerin, wurde zu ihm geschickt, er ließ sie dann regelmäßig kommen. Sie habe bei ihm oft geweint und gezittert, sagt Wolfgang B. Er schlug ihr vor, sie zu verstecken, sie solle bei ihm bleiben. Ilona schenkte ihm ein Stoffherz mit einer Maus darauf. Eines Tages stritten sie sich am Telefon. Wolfgang B. rief daraufhin bei den Leuten von Borys B. an. Er gab eine Bestellung auf, zwei Frauen für 500 Euro.

Wie es mit ihr weitergehe, hat der Richter am Ende Larissa, die Orientierungslose, gefragt. Sie zuckte mit den Achseln. ?Wahrscheinlich werde ich abgeschoben.? Vor einem Jahr, im April 2003, gab es eine Razzia, Larissa und die anderen Frauen wurden verhaftet. Sie haben sich entschlossen, umfangreich vor Gericht auszusagen, was in Menschenhändler-Prozessen nicht an der Tagesordnung ist. Oft schweigen die Frauen, aus Angst oder weil sie ihre Lebensgrundlage nicht verlieren wollen. Nicht selten werden die Frauen abgeschoben und können für das Verfahren gar nicht ausfindig gemacht werden. Zu hoffen haben Olga, Larissa, Ilona und Katharina nach dem Prozess nicht viel. Drei von ihnen haben eine Duldung in Deutschland, sie leben von 194 Euro im Monat, die sie nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bekommen. Wie es weiter geht und ob es überhaupt für sie in Deutschland weitergeht, ist ungewiss.

Zurück können sie nicht. Zu Hause wartet jenes Geflecht aus Abhängigkeiten und Zwängen auf sie, dem sie entfliehen wollten. Ihre enttäuschten Familien. Die Familien und Bekannten der Menschenhändler, gegen die sie vor Gericht ausgesagt haben. Katharina schämt sich zudem, Larissa traut sich ohne Geld nicht nach Hause. Ilonas Familie weiß bis heute nicht, dass sie nicht als Kindermädchen in Deutschland gearbeitet hat. Am meisten Angst hat sie davor, dass jemand aus ihrem Freundeskreis die Fotos zu sehen bekommt, die sie von sich machen lassen musste. Ilona im schwarzen Kleid, auf der Wange ein aufgemaltes Muttermal. Ilona in Deutschland, im goldenen Westen. Das Foto hatten Frauen dabei, die in ukrainischen Kneipen Mädchen anwarben. Auch Katharina, das Mädchen mit den großen Träumen, hatte das Bild mit der aufgeputzten Lehrerin in der Hand gehabt, als man ihr in der Kneipe das Blaue vom Himmel versprach.

Borys B. wurde vom Berliner Landgericht unter anderem wegen gewerbsmäßigen Einschleusens von Ausländern in Tateinheit mit Menschenhandel, Zuhälterei und Urkundenfälschung zu vier Jahren und neun Monaten verurteilt. Als mildernd wurde gewertet, dass sich Borys B. bereit erklärt hat, auf seinen Mercedes zu verzichten, den die Polizei beschlagnahmt hatte. Das Geld soll den Frauen zur Wiedergutmachung überwiesen werden, es sind vielleicht ein paar Tausend Euro, die jede von ihnen bekommen wird.

Die vier Frauen seien durch die Prostitution "kaputt gemacht" worden, sagte der Richter in seiner Urteilsbegründung. Von der Ukraine haben sie nichts mehr zu erwarten, die Zukunft im Westen bleibt Sehnsucht. Wie in den Gesprächen, die Olga mit einem ihrer Freier geführt hat. Der Freier war verliebt in sie und wollte sie rauskaufen. Am Telefon haben sie sich vorgestellt, wie gut es ihnen gehen würde, sie hatten Codewörter dafür. ?New York? war so ein Wort oder die Titel von Hollywood-Filmen.

Olga hat den Mann inzwischen geheiratet. Sie lebte zweitweise in Berlin-Spandau, im 15. Stock, Platte West, der Mann ist ein Rentner, der vor Gericht sagt, dass man von einem ordentlichen Eintopf wochenlang leben kann. Nur Ilona, der Lehrerin, geht es verhältnismäßig gut. Unlängst durfte sie ihr Kind nach Deutschland holen. Es wird hier behandelt, die beiden leben bei Frankfurt an der Oder, der Stadt, in der sich Ilona einst bei McDonald?s ihrem Schicksal ergeben hatte. Sie hat inzwischen auch ein wenig zugenommen.

Verena Mayer

Lesen Sie immer mittwochs die Reportagen der Gerichtsreporterin Verena Mayer bei www.migrationsrecht.net. Mayer war Gerichtsreporterin für die Berliner Seiten der FAZ und schreibt jetzt für die Frankfurter Rundschau die Kolumne "Prozess", die jeden Donnerstag in der Kulturbeilage "fr plus" erscheint. Auf Migarationrecht.net werden wir in loser Folge ihre Reportagen publizieren, die sich mit Ausländern befassen.