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Aufenthaltskarte Familienangehörige (Kommentierung)

V. Aufenthaltskarte für Familienangehörige mit Drittstaatsangehörigkeit

Nach der Begründung zur UnionsbürgerRL sollte die Pflicht, in Besitz eines Aufenthaltstitels zu sein, auf Fälle beschränkt werden, in denen sie gerechtfertigt ist. Diese wurde nur noch für Familienangehörige, die nicht Unionsbürger sind, bejaht. Ihnen soll die durch das Gemeinschaftsrecht zuerkannte Freizügigkeit durch eine Aufenthaltskarte erleichtert werden.

Entsprechend regelt Art. 10 der UnionsbürgerRL, dass die Aufenthaltskarte zum Nachweis des Aufenthaltsrechts ausgestellt wird.

Der Aufenthaltskarte kommt mithin ebenfalls deklaratorische Wirkung zu. Sie bringt über die in ihr vorzunehmende Konkretisierung des Drittstaatsangehörigen als „Familienangehörigen eines Unionsbürgers“ die Akzessorietät des Aufenthalts zum Ausdruck.

Gem. Art. 9 der UnionsbürgerRL stellen die Mitgliedstaaten eine Aufenthaltskarte aus, wenn ein Aufenthalt von über drei Monaten geplant ist. Hier genügt bereits die Absicht eines längerfristigen Aufenthalts für die Ausstellung einer Aufenthaltskarte. Es bleibt dem Drittstaatsangehörigen damit unbenommen, bereits unmittelbar nach Einreise eine Aufenthaltskarte zu beanspruchen.

Die Frist zur Einreichung des Antrags auf Ausstellung einer Aufenthaltskarte muss nach der UnionsbürgerRL jedoch mindestens drei Monate ab Einreise betragen, bevor die Mitgliedstaaten berechtigt wären, die Nichterfüllung der Pflicht mit Sanktionen zu ahnden, was im FreizügigG/EU nicht umgesetzt wurde.

Nach Art. 10 der UnionsbürgerRL wird spätestens sechs Monate nach Einreichung des Antrags eine Aufenthaltskarte für Familienangehörige eines Unionsbürgers ausgestellt.

Gem. § 5 Abs. 2 FreizügigG/EU wird die Aufenthaltskarte von Amts wegen innerhalb von sechs Monaten nach Geltendmachung der Voraussetzungen des Rechts auf Aufenthalt (gem. § 5a) ausgestellt.

Die nach § 5a FreizügigG/EU vorzulegenden Dokumente für Familienangehörige sind auf die Bescheinigung des Unionsbürgers über sein Aufenthaltsrecht gem. § 5 Abs. 1 und den Nachweis der familiären Verbindung mit dem Unionsbürger beschränkt, ohne dass hier zumindest bei Ehegatten und Verwandten in absteigender Linie noch wirtschaftliche Kriterien geprüft werden dürfen, wenn der Stammberechtigte keine Veranlassung zur Prüfung des Fortbestands seines eigenen Rechts bietet.

In Umsetzung von Art. 11 Abs. 1 der UnionsbürgerRL „soll“ die Aufenthaltskarte für fünf Jahre gültig sein.

Die Soll-Regelung des § 5 FreizügigG/EU lässt Raum in Fällen einer Atypik und schließt eine kürzere Gültigkeitsdauer nicht aus. Eine solche liegt nach der UnionsbürgerRL jedoch nur in Fällen vor, in denen der Unionsbürger eine Aufenthaltsdauer von weniger als fünf Jahren anstrebt. Lediglich diese Einschränkung wurde nach Gemeinsamen Standpunkt des Rates 2003 in Art. 11 aufgenommen, nachdem bis dahin die Aufenthaltskarte ausnahmslos eine Gültigkeit von mindestens fünf Jahren vorsah.

Das Erlöschen der Aufenthaltskarte durch Auslandsaufenthalt ist im FreizügigG/EU nicht geregelt.

Gem. Art. 11 Abs. 2 UnionsbürgerRL wird die Gültigkeit der Aufenthaltskarte weder durch vorübergehende Abwesenheiten von bis zu insgesamt sechs Monaten im Jahr, noch durch längere Abwesenheiten wegen der Erfüllung militärischer Pflichten, noch durch eine einzige Abwesenheit von höchstens zwölf aufeinander folgenden Monaten aus wichtigen Gründen wie Schwangerschaft und Niederkunft, schwere Krankheit, Studium oder Berufsausbildung oder berufliche Entsendung in einen anderen Mitgliedstaat oder einen Drittstaat berührt.

Im Umkehrschluss sind damit Auslandsabwesenheiten die nicht der Erfüllung militärischer Pflichten dienen, Abwesenheiten aus vorübergehendem Grund von mehr als sechs Monaten und Abwesenheiten von mehr als zwölf aufeinanderfolgenden Monaten aus gewichtigem Grund nach dem Gemeinschaftsrecht schädlich, d.h. die Aufenthaltskarte wird ungültig.

Eine explizite Umsetzung zum Erlöschen der Aufenthaltskarte aus Gründen der Abwesenheit wird in § 5 FreizügigG/EU nicht vorgenommen.

Der Verweis auf § 4a Abs. 6 ist insoweit unzureichend, da dort die Vorgaben der UnionsbürgerRL zur Kontinuität des Aufenthalts und damit zur Anrechnungsregelung für die erforderlichen Zeiten des fünfjährigen Aufenthalts zur Erlangung des Daueraufenthaltsrechts transformiert werden.

In entsprechender Umsetzung von Art. 11 Abs. 2 der UnionsbürgerRL wird den deutschen Behörden durch andere Mitgliedstaaten bei Rücknahmeersuchen für Drittstaatsangehörige mit Aufenthaltskarte (u.a. durch das Königreich Spanien) das automatische Erlöschen der von dort ausgestellten Aufenthaltskarte aufgrund sechsmonatiger Abwesenheit mitgeteilt und einer Rückübernahme in diesen Fällen nicht zugestimmt.

Das Erfordernis einer förmlichen Feststellung des Erlöschens der Aufenthaltskarte bei schädlichem Auslandsaufenthalt ergibt sich aus dem Gemeinschaftsrecht nicht.

Nimmt der Drittstaatsangehörige sein Recht auf Freizügigkeit und Aufenthalt im ausstellenden Aufnahmemitgliedstaat nicht mehr wahr, wird die Freizügigkeit nicht behördlicherseits beschränkt, im Sinne von Art. 15 Abs. 1 der UnionsbürgerRL keine derartige Entscheidung getroffen, die den Verfahrensgarantien der Art. 30 und 31 der UnionsbürgerRL unterworfen wäre. Die (erneute) Inanspruchnahme der Freizügigkeit bei Wiederzuzug des Unionsbürgers oder Wiederaufnahme einer familiären Lebensgemeinschaft mit diesem bleibt unbenommen.

Das Ungültigwerden der Aufenthaltskarte durch Auslandsaufenthalt kann im Übrigen den Verlust „des Rechts nach § 2 Abs. 1 FreizügigG/EU“ nicht bewirken. Ein hiervon erfasstes touristisches voraussetzungsloses Begleitrecht besteht auch bei Aufgabe des Lebensmittelpunktes im ehemaligen Aufnahmemitgliedstaat fort.

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